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Stand 21. Mar. 2013

Einsingen ja – aber ...

Paul Meier, 14.08.1926, Lenk im Simmental

  Als ich das erste Mal vor dem örtlichen Gemischten Chor meiner ersten Lehrstelle stand, war ich unerfahren, etwas verlegen und wenig selbstbewusst. Ich hatte für einige Wochen meinen erkrankten Kollegen zu ersetzen und war darauf in keiner Weise vorbereitet. Über den Ablauf einer sinnvoll aufgebauten Probe inklusive Einsingen hatte ich keine Ahnung, denn schliesslich bildet das Seminar Pestalozzijünger aus und nicht Chorleiter. Also kopf voran hinein ins Abenteuer; Vogel friss oder stirb. Ich muss sagen, Disziplin hatten meine Sängerinnen und Sänger, und Respekt auch. Ausser dem Klappern der Stricknadeln und einem gelegentlich unterdrückten Fluch von der Jassecke her, wurde ich bei der Registerprobe nicht gestört. Alle spürten die Verantwortung dem Lied und dem Junglehrer gegenüber und gaben sich darum alle erdenkliche Mühe, meine Bemühungen nicht zu erschweren. Dass Lismete und Jasskarten einträchtig neben den Partituren lagen, war selbstverständlich, eine überlieferte Angewohnheit und ungeschriebenes Gesetz der Gesangsproben. Einige Wochen später sangen wir dann am Grab des Kollegen zwei Lieder. Es ging gut, besser als ich erwartet hatte und besser als beim Kollegen vom Nachbardorf, der seine Trauerrede mit «Liebe Festgemeinde» einleitete.
  Während ich dann für mehrere Wochen den Dienst am Vaterland leistete, hielt die Organistin den Chor über Wasser, und ich habe mir sagen lassen, dass die verschiedenen Pullis und Jäckli rechtzeitig auf Weihnachten fertig geworden sind, dank der intensiven Gesangsproben am Donnerstagabend. Und meine Entschädigung für dieses gute Dutzend Proben: anlässlich der Hauptversammlung überreichte mir die hübscheste Sopranistin in einer feierlichen Zeremonie, etwas verschämt und doch mit leuchtenden Augen, einen grossen Lebkuchen in Herzform mit sechs eingebackenen Fünflibern. Es war mein erstes Honorar- und mir darum lieb und unvergesslich bis heute.
  Einsingen ja - aber... mag etwas provozierend klingen und könnte Zweifel am Wert des Einsingens aufkommen lassen. Das soll aber nicht sein. Viel ist schon über das Einsingen geschrieben worden, mit dutzendfachen Anleitungen, Empfehlungen und guten Vorsätzen; in Kursen und Arbeitstagen wurde darüber referiert und praktiziert, und fast scheint es mir, als ob es hier und dort zum starren Dogma verkommen ist und als Selbstzweck ein Eigenleben hat, losgelöst vom übrigen Wirken und sakrosankt in seiner Unfehlbarkeit. Einsingen ist ein Element der Chorprobe, eines von mehreren, nicht mehr und nicht minder wichtig als Grundschule am Lied, Ausfeilen des Gesamteindruckes, als Textverständnis und Gestaltung des Jodels. Ich sehe im Einsingen einen dreifachen Sinn:
- Singstimme wecken
- Mentale Aufbereitung
- Gehörschulung
Alle drei Faktoren überlagern sich, bilden eine Einheit und wirken ganzheitlich.
Singstimme wecken  
  Die meisten Aktiven haben seit der letzten Probe wenig oder gar nicht gesungen, wenn nicht in der Zwischenzeit ein Aufgebot war. Sie haben also nur ihre Sprechstimme (Männer C - G, Frauen A – e) gebraucht, die üblicherweise für den Gesang nicht ausreicht. Darum gilt es, die Stimmlage darüber (Männer A – e, Frauen f – f') und darunter (Männer F – D, Frauen E - G) zu aktivieren, so dass mit der Sprechstimme zusammen der ganze Tonumfang abgedeckt ist. Ich hatte das Glück und den Mut zwei Jahre hintereinander je eine Woche lang mit Thomaskantor Gotthart Stier aus Leipzig zu singen und seine Welt der Musik kennen zu lernen. Sein Einsingen am Morgen hat mit einfachen gymnastischen Übungen im Freien angefangen, leitete dann über im gut gelüfteten Raum zum Summen und leisem
Singen mit luftig schwebendem Ton, weiter zu Tonfolgen in höheren und tieferen Lagen im mf und schliesslich zum Kanonsingen als Gehörschulung mit dynamischen Abstufungen von pp bis mf. Die Tongebung war in jedem Fall immer leicht, locker, schmiegsam, schlank und gefällig, ohne «Sand im Getriebe». Unsere welschen Kollegen kennen in diesem Zusammenhang den Begriff «souplesse». Mit dieser Geschmeidigkeit wollen wir ein wohliges Gefühl verbreiten und ohne Anstrengung einen lustvollen Ton in die Maske bringen. Gotthart Stier hat immer wieder unterbrochen, wenn der Ton zu plump, zu trocken, zu massig daherkam. Wer schläft, wird nicht brutal aus dem Schlaf gerissen, ein sanfter Ton tut's auch. So auch beim Singen. Ich habe oft festgestellt, dass wir uns im sanften Wiegen von Tönen zu wenig Zeit lassen und zu früh auf einen kraftvollen chorischen Ton hinsteuern. So lassen wir unsere Stimme zu wenig Zeit, sich sinnvoll zu entwickeln. Es gibt viele Übungen ganz einfacher Art, die in der hohen und tiefen Singlage die Stimme wecken und sie geschmeidig machen können.
Mentale Aufbereitung  
  Nicht jedem Sänger ist das Tagwerk geglückt, Dirigent miteinbezogen. Stress, Probleme am Arbeitsplatz, Sorgen in der Familie und Wetterlage haben ihm zu schaffen gemacht. Der eine oder andere Aktive kommt ausgelaugt in die Probe, sein täglicher Bedarf an Energieaufwand ist gedeckt, er möchte sich am liebsten zurücklehnen und einfach da sein. Andere sind noch voll Tatendrang und erwarten, dass etwas läuft. Mit dem Einsingen versuchen wir diese unterschiedlichen Erwartungen zusammenzuführen, nicht nur gemeinsam zu singen, sondern auch gemeinsam hinzuhören und ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit zu entwickeln. Ein lärmiger Einstieg in die Probe ist ein schlechter Start. Nur wenn das Umfeld Ruhe ausströmt, kann ich Gesang und Musik aufnehmen, auch beim Einsingen. So ist z. B. das Wirtshaussingen bei mittlerem oder starkem Lärmpegel Gift und Galle für unser Bemühen. Die tägliche Hatz in einer auf Beschleunigung ausgerichteten Umwelt soll in der Gesangsprobe Gegenwerte finden im Sinn von Entschleunigung und Beruhigung. Hier bietet sich uns die musikalische Form des Kanons an. Ich habe zeitlebens davon Gebrauch gemacht, sehr zum Vorteil von Sängerinnen und Sängern. Einsingübungen sollen ohne schriftliche Vorlage geschehen; der Sänger hat nachher noch ausgiebig Gelegenheit, sich mit Noten und Zeichen abzumühen. Kanons hingegen sind leicht zu singen und ebenso leicht sich auswendig zu merken. Sie pflegen das saubere Intervallsingen und fördern durch die Mehrstimmigkeit das Gefühl für Harmonie und chorisches Empfinden. Es gibt viele gute Beispiele in diesem Bereich; in jedem Schulbuch lässt sich etwas Passendes finden. Die Schriftsprache im Kanon soll uns weiter nicht stören, schliesslich umfängt sie uns seit frühester Kindheit und ist, abgesehen von den Liedtexten, auch bei uns Jodlern ausschliessliches schriftliches Kommunikationsmittel. Hier das Beispiel des leichtesten Kanons, den ich kenne und den jeder Aktive in wenigen Minuten «beherrscht»: 
Gehörschulung  
  Das Ohr ist bei allem was wir gesanglich unternehmen unser ständiger Begleiter. Übers Ohr kommen wir an die Musik heran, übers Ohr freuen wir uns an der Musik anderer und an der eigenen. Mit dem Einsingen schulen wir unser Ohr für die feinen Abstufungen der Intervalle und für das Empfinden, Teil eines Akkordes zu sein. Es gibt in der einschlägigen Literatur gute und weniger gute Beispiele von Einsingübungen. Die einfachsten sind die besten, weil sie nicht zusätzliche Probleme schaffen, sondern direkt aufs Ziel hinführen. Ich komme neben dem Kanonsingen mit drei Übungen aus, eine für die Intervalle, eine für «Sprache und Musik» und eine dritte für die Jodelstimmen. Und weil sich jede in der Tonhöhe variieren lässt, können sowohl obere wie auch untere Sing- und Jodelstimmen mobilisiert werden. Wird es dabei den Bassstimmen zu hoch oder den Tenören zu tief, pausieren sie für ganz kurze Zeit und setzen individuell dort wieder ein, wo sich ihre Stimme wohl fühlt. Zwang und Druck sind ungeeignete Mittel für unseren Jodelgesang, auch beim Einsingen.
   
  Noch ein Wort zum Schluss. Wir dürfen uns auch vor Neuem nicht verschliessen. 200 Millionen Menschen benutzen heute weltweit das Internet, 1 Milliarde werden es in fünf Jahren sein. Ich freue mich z. B. über die gut gelungene EJV - Homepage und profitiere daneben auch als Jodler, Chorleiter und Komponist vom vielfältigen Angebot dieses Mediums.